Dienstag, 10. Juni 2014
Hallo MutHase!
Ich bin nicht nur ein Angsthase, ich bin ein richtiger Panikhase. Solange ich mich erinnern kann, bin ich ängstlich, zurückhaltend und probiere unangenehme Situationen mit aller Kraft zu vermeiden.
Um mein Abitur herum fand ich einen Namen dafür: Ich hatte eine Angststörung, genauer Agoraphobia mit Panikattacken.
Ich freute mich darüber, dass es eine Krankheit war, die noch dazu hervorragende Genesungschancen hatte... bis ich verstand, dass ich mich meinen Ängsten mittels sogenannter Exponierungsübungen aussetzen musste. "Niemals im Leben!" dachte ich. Es musste noch eine andere Lösung geben.
Ich suchte über 10 Jahre, fand Linderung, aber keine Genesung.
Ende letzten Sommers brach ich zusammen. Die Krankheit meines Sohnes hat 1,5 Jahre erfolgreich verhindert, dass ich ausreichend schlafe. Die Elternzeit meines Partners war nun auch zu Ende und bald würde er wieder zur Arbeit pendeln. Ich fühlte mich den kommenden Herausforderungen nicht gewachsen. Die Ansprüche an mich selber wuchsen mir über den Kopf. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie ich auch nur eine weitere Woche leben könnte. Mir das Leben zu nehmen fand ich als Option annehmbar. Alarmierend. Ich brauchte Hilfe. Die gesamte Familie begleitete mich zur Notaufnahme der Psychiatrie.
Es wurde Burnout diagnostiziert und ich würde bis auf weiteres krank geschrieben und auf Beruhigungsmittel gesetzt. Dank psychologischer Betreuung und starke Unterstützung von meinem Partner und meiner Mutter erholte ich mich langsam.
Das war ein tiefer Fall, aber ich klettere wieder hoch. Andere fallen genauso tief und klettern wieder hoch und sind dann auf einem Level (ihrem Normalniveau) auf dem ich noch nie war. Warum sollte ich nicht auch dort hinauf klettern können, wenn ich ohnehin schon am klettern bin. Ich muss einfach noch ein Stück weiter klettern und mich noch nicht mit meinem Normalniveau zufrieden geben. Dieser Burnout könnte die Chance meines Lebens sein!
Vor ein paar Monaten las ich einen Artikel, der mein Leben veränderte. Ein Journalist "outete" sich als Angstpatient. Er beschrieb, wie er seine Ängste vor anderen versteckte, wie er sich unzureichend fühlte und dass keine Therapie ihn je angstfrei gemacht hat. Ich fühlte mich verstanden und erkannte mich in ihm wieder. Dann beschrieb er, wie ihn eine Psychologin überredete sich mit seiner größten Angst (sich zu übergeben) in einer Exponierungsübung zu konfrontieren. Unter ärztlicher und psychologischer Betreuung trank er ein Mittel, das starke Übelkeit hervorruft und so zum Erbrechung führt. Die Übung zog sich über Stunden, denn er brachte es trotz stärker Übelkeit nicht fertig sich zu übergeben. Die Übung scheiterte. Und anstatt seine Ängste zu heilen, wurde dies ein traumatisches Ereignis und seine Ängste verschlimmerten sich noch.
Als Außenstehender sah alles so einfach aus. Er hätte sich nur einmal überwinden müssen sich zu übergeben und er hätte gesehen und erfahren, dass es überlebbar ist. Dann kam die Einsicht: Je früher ich damit begann mich meinen Ängsten zu stellen, desto länger hatte ich danach Zeit angstfrei zu leben. Wenn ich weitere 10 Jahre als Angst- und Panikhase durch die Welt marschierte, vertat ich 10 Jahre meines Lebens, die ich mit Reisen und Glück hätte verbringen können.
Ich trauerte. Mir war bewusst geworden, dass ich starke Panikattacken durchleben musste um zur anderen Seite meines Lebens zu kommen. Es gab keinen anderen Weg. Ich wollte mein Leben nicht vergeuden und später bereuen, dass ich den Schritt nicht gewagt habe. Etwas schien in mir gesprossen zu sein. Es war der MutHase.

... comment

 
Link zum Artikel, der mir die Erkenntnis brachte
Falls sich jemand fragt welchen Artikel ich gelesen habe... hier ist der Link. Der Autor ist Scott Stossel.
http://m.theatlantic.com/magazine/archive/2014/01/surviving_anxiety/355741/

... link  


... comment
 
alles gute! gehe einen ähnlichen weg, ein bisschen anders... aber mut ist so wichtig!

... link  


... comment